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Feuilleton & Firlefanz

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No Bears (2022) - Dokumentierter Widerspruch

No Bears (2022) - Dokumentierter Widerspruch
Bild: Peripher Filmverleih
IR · R: Jafar Panahi · D: Jafar Panahi, Naser Hashemi, Vahid Mobasseri, Bakhtiyar Panjeei, Mina Kavani, Reza Heydari · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Ich finde es immer wieder toll, wie Jafar Panahi stets auch einfach „nur“ Dokumentarist iranischen Lebens ist, das jedoch niemals zulasten der Schärfe seiner unermüdlichen Kritik an den iranischen Zuständen geht und auch niemals dazu führt, dass Menschen aus der Haftung genommen werden und zu leicht davonkommen.

NO BEARS dokumentiert und ist gleichzeitig Ausdruck der enormen Widersprüche, denen die Menschen in Iran und Jafar Panahi als vom Regime sanktionierter Kunstschaffender ausgesetzt sind, die auch in ihnen existieren und von ihnen fortgeschrieben werden.

Es ist die Auflage, das Land nicht verlassen zu dürfen und sich gleichzeitig aus freien Stücken dazu zu entscheiden, zu bleiben. Zu bleiben, um hinzusehen, Zeuge zu sein. Um dem Regime und seinen Vasallen über den Film sinngemäß ins Gesicht zu sehen: „Schaut her, ihr könnt mir gar nichts, ich finde immer einen Weg und werde Zeuge eurer totalitären Mangel sein!“

Dieses Zeugnis legt Panahi hinter mehreren, immer wieder gebrochenen, immer mal mehr und mal weniger durchlässigen Filmebenen ab. Fiktion wird Wirklichkeit, Wirklichkeit wird Fiktion, Blicke gleichzeitig geschärft und verschleiert – immer unter Lebensgefahr, immer gewillt, nicht einfach die Flucht zu ergreifen.

★★★★☆

Ghosts of Mars (2001) - Der bessere „Doom“

Ghosts of Mars (2001) - Der bessere „Doom“
Bild: Sony Pictures Entertainment Duetschland
US · R: John Carpenter · D: Natasha Henstridge, Ice Cube, Pam Grier, Jason Statham, Clea DuVall, Joanna Cassidy · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Auf jeden Fall der bessere DOOM, aber damit noch lange kein guter DOOM. Denn GHOSTS OF MARS ist unterm Strich eine ziemliche Mogelpackung, über die eine im Schnitt übergestülpte Erzählstruktur hinwegtäuschen soll.

Letztlich sehen wir hier einen Haufen wild zusammengewürfelter und zusammenhangslos inszenierter Action-Set-Pieces, in denen wenig passiert und noch weniger vorangetrieben wird. Die werden dann hemdsärmelig als Aneinanderreihung von Flashbacks im Rahmen einer Verhörsituation versucht, zusammenzubinden.

In der Art und Weise der Reduktion von allem, was nicht über die Action verhandelt wird, erinnert sehr an das, was Paul W. S. Anderson kurze Zeit später mit RESIDENT EVIL beginnen sollte.

★½☆☆☆

Gesehen: Reflection in a Dead Diamond (2025) - Alles bricht

Alles wird permanent neu zusammengesetzt

Gesehen: Reflection in a Dead Diamond (2025) - Alles bricht
Bild: Plaion Pictures

Alles bricht – das Licht in der Kristallstruktur der Diamanten, die Bilder, die Töne, die Grenze zwischen Fiktion und Realität, die vierte Wand, der Fluss der Zeit, die Ausdruckswege sowie die Kohäsion von Erzählung und Wirklichkeit.

Die Vergangenheit wird von der Gegenwart reflektiert, die Gegenwart spiegelt sich in den Scherben der Vergangenheit. Alles wird permanent neu zusammengesetzt, aber es ist immer dasselbe Licht, das auf dasselbe Prisma fällt, nur aus leicht verschobenem Winkel. Originalität und das Originäre sind gleichzeitig Illusion und Permanenz.

Alles ist sich immer wieder von innen nach außen stülpender Pastiche. Und das schafft in dieser Form fast schon ironischerweise Transparenz, legt Blickstrategien frei und offenbart, wie unser Blick auf sowie unsere Inszenierung von Geschlecht, Körper, Anmut und Erotik – im guten wie im schlechten Sinne – jeden Bruch zu überdauern scheinen.

★★★★☆

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Gesehen: Mountainhead (2025) - Gesiebtes Gelächter

Fängt gut an, leiert schwer nach

Gesehen: Mountainhead (2025) - Gesiebtes Gelächter
Bild: HBO Max

War dann doch etwas überrascht davon, wie wenig MOUNTAINHEAD auf reinen Pointen fußt. Denn er macht ziemlich konsequent klar, dass es diesen Gestalten nicht einmal vergönnt sein sollte, ausgelacht zu werden. Deren Taten sollen einfach nicht für auch nur das kleinste Fünkchen Freude verantwortlich sein – außer, durch die Gitterstäbe einer Gefängniszelle hindurch.

Dennoch verfällt der Film ziemlich schnell in ermüdendes Leiern, und wiederholt immer und immer wieder die gleichen Psychopathien. Dass es keine ethischen Milliardäre geben kann, ist sehr schnell offenkundige Position von MOUNTAINHEAD. Sich dafür immer und immer wieder Gesinnungsapplaus abzuholen, ist faul.

Was dann aber wiederum für einen Film dieses Kalibers ganz okay funktioniert, ist die in jede Faser mit verwobene Männlichkeitskritik. Diese Typen scheitern krachend an sich selbst, ihrem Alphagehabe, ihren Fehlinterpretationen griechischer und römischer Philosophie und ihrer grenzenlosen Unkultiviertheit. Unermesslicher Reichtum ist kein Gradmesser für Intelligenz, sondern ausschließlich für Skrupellosigkeit. Widerspruch ist keine Hysterie, Macht kein Anrecht.

Es mag zwar vielleicht mit der Realität korrespondieren, dass der Film genau diese Männer dann doch sehr leicht vom Haken lässt. Doch dieses Ende verlangt nach entsprechender Vorbereitung, die hier einfach nicht stattfindet. Das hinterlässt einen unironisch zynischen Nachgeschmack.

★★½☆☆

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Gesehen: The Surfer (2024) - Zurück in der Vorhölle

Ein Film wie Treibsand: Jede Bewegung sorgt nur dafür, dass man tiefer in den Schlund gezogen wird

Gesehen: The Surfer (2024) - Zurück in der Vorhölle
Bild: Splendid Film

Nach VIVARIUM also wieder zurück in die Fegefeuer der Vorhölle. Dem Surfer ist keine Erlösung vergönnt. Wie in Treibsand rutscht er mit jedem Befreiungsversuch ein bisschen weiter hinab in den unter ihm geöffneten Schlund.

Die eigentliche Qual sind nicht die vielen kleinen und großen Stiche, sondern die Erlösung, die dem Surfer wie die Karotte an der Angel immer gerade so außer Reichweite vor die Nase gehalten wird.

Das Echo der weiter unten lodernden Hölle ist die Erkenntnis, dass er sich nicht freikaufen kann, dass demnach sein bisheriges Leben eine Lüge gewesen scheint. Dass materielles Vermögen nicht mit Anspruch gleichzusetzen ist.

Damit lässt sich THE SURFER auch als Film über (kulturelle) Aneignung und Privilegienblindheit lesen. In vielen Gesten im Umgang mit von ihm als unter ihm stehend wahrgenommenen Menschen offenbart der Film des Surfers parasitäre Art.

Lade doch einfach mein leeres Handy auf. Gib mir doch den Kaffee auf Pump. Reich mir mal eben dein Fernglas. Leiste mir gerne Gesellschaft, solange du mir für mein Auto Starthilfe gibst, aber lass mich danach in Ruhe. Ich schlafe einfach ohne Rücksprache in deinem Auto, solange du weg bist.

Es geht hier nicht zwingend um Gut gegen Böse, um Recht und Unrecht, sondern um immer größer werdende Ungerechtigkeiten, die sich eines Schwarzen Loches gleich durch die Raumzeit fressen und alles am Rande dieses Weges bis zur Unkenntlichkeit verkrümmen.

★★★½☆

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Gesehen: Under the Cloud (2022) - Parallelschnitt in die Tiefe

Zeit ist ein flacher Kreis in der Wüste von New Mexico

Gesehen: Under the Cloud (2022) - Parallelschnitt in die Tiefe
Bild: Pedro Reyes, SITE Santa Fe, Mubi

Vor allen Dingen formal haben mich diese gut 20 Minuten beeindruckt. Denn dieser Parallelschnitt, die Parallelisierung der Bilder und Themen, das hat innerhalb kürzester Zeit eine enorme visuelle und inhaltliche Tiefe erzeugt.

Vergangenheit und Gegenwart werden im besten Sinne gleichzeitig erfahrbar gemacht. Nicht nur offenbart die direkte Gegenüberstellung innerhalb eines Frames die Widersprüche in der Geschichtsschreibung, sondern auch den zyklischen Ablauf von Geschichte und die sich wiederholenden oder nachhallenden Muster. Und all das mit einer beeindruckenden Leichtigkeit.

Lässt sich aktuell kostenlos bei FilmFreeway streamen.

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